MJg 1959 / Bariton, Bauer & Beweger

Ein einzigartiger Lebensweg, der ihn vom Piaristengymnasium über die Salzburger Festspiele nach Chile führte. Eine ORF-Dokumentation („Papagenos tausend Kinder“, Sonntag, den 18.11.2018 um 10:35 in der matinee, ORF2) und ein GEO-Magazin Sonderheft namens GEO-Perspektive (Erscheinungstermin: 5. Oktober) schildern eindrucksvoll die vielfältigen Facetten des Christian Boesch.

1959 maturierte er nach einer emotional zwiespältigen Schulzeit. „Die ersten sechs Jahre waren für mich das Eldorado. Direktor Tschulik setzte das humanistische Gedankengut in der täglichen schulischen Arbeit um. Wir hatten die Möglichkeit, uns in Akademien und Schulaufführungen künstlerisch zu erfahren. Tschulik vermittelte den Kulturauftrag eines humanistischen Gymnasiums lebensnah und eindrucksvoll“ erinnert sich Boesch begeistert. „Dann kam Direktor Salomon und alles war dahin. Ihn interessierte das nicht. So konnten wir einen schon einstudierten „Faust-Querschnitt“ nicht aufführen. Deshalb kann ich ihn heute noch auswendig“.
Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ auch Griechisch-Professor Scholze. „In der fünften motivierte er uns mit dem Satz ‚Wer dieses erste Jahr schafft, der bekommt von mir eine Maturagarantie‘. Und er versprach uns, auf Maturareise nach Griechenland zu fahren. Ich habe mir schon in der 7.Klasse ausgesucht, was ich im Theater von Epidauros rezitieren möchte. Und das habe ich bei der Maturareise dann auch getan“.
Boesch erinnert sich auch gerne an Erwin Resch. Der Mathematik-Professor unterstützte ihn immer – sogar mit zustimmenden oder verwunderten Gesichtsausdrücken bei der schriftlichen Matura. Am Ende der Prüfung raunte er dem Maturanten zu „Werdens a guter Musiker, damit mir der Herrgott das verzeiht“. Christians weitere Entwicklung garantierte Resch die Nachsicht des Herrgotts...

Boesch studierte nach der Matura an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien, später an der Universität Wien (Theaterwissenschaften und Germanistik, Dr.phil.1985).     

Der Vogelfänger aus Mozarts „Zauberflöte“ war seine Paraderolle in den 1970er- und 1980er-Jahren auf den Bühnen von München, Zürich, Wien und Salzburg. Nach einem Engagement an der Met in New York bekam der Bariton 1982 ein Angebot für ein lukratives Gastspiel in Chile. Für den Döblinger war es Liebe auf den ersten Blick. Am Ufer des Calafquén-Sees fand er sein „Paradies“, in dem er sich nach dem Ende seiner Sängerkarriere seinen Jugendtraum erfüllen wollte: Landwirt zu werden.

  

Vor 30 Jahren kaufte er eine stattliche, aber völlig verwilderte Farm mit Seezugang und Blick auf drei schneegekrönte Vulkankegel. Die „Rückverwandlung“ der brombeerüberwucherten Wildnis in eine Kulturlandschaft bewerkstelligte Boesch mit einem Bagger. „12.000 Stunden habe ich auf ihm gewerkt und fast eine erotische Beziehung zu dem Bagger aufgebaut. Vermittelte er mir doch das Gefühl, wieder so stark wie vor 30 Jahren zu sein“ erinnert er sich verschmitzt lächelnd an die „Bau-ern-Arbeit“. Inzwischen funktioniert der Betrieb klaglos, der Wald, Getreide, biologische Heidelbeeren und 100 schwarze Aberdeen-Angus-Rinder umfasst. Seine Leidenschaft, die Musik, wollte und will er weiterhin mit den ihn umgebenden Menschen teilen. Also investierte Boesch sein Herzblut in die „Escuela de Música Papageno“.

Alles begann, als er vor fünfzehn Jahren in der Gegend um Villarrica keinen Musiklehrer für seine zwei jüngsten Kinder auftreiben konnte. Boesch holte zwei Pädagogen aus Deutschland. Sie wurden in der deutschen Schule tätig, die bald noch mehr Lehrer und Platz brauchte. Deshalb kaufte er ein baufälliges Holzhaus, das er renovieren, aufstocken und rot-weiß-rot anstreichen ließ. Die „Escuela de Música Papageno“ war geschaffen. Parallel dazu rief er das Projekt TTT („Teach teachers teach“) ins Leben. Meisterklassen, die zur Vorbildung der Lehrer dienen.

Der Schwerpunkt des „musikalischen Begeisterers“ liegt aber bei den Indiokindern, die die verschiedensten Instrumente zu spielen lernen. 99,9% der Kinder sind Mapuche. „Menschen der Erde“ bedeutet ihr Name. 300 Jahre konnten die Indianer den spanischen Eroberern widerstehen. Dann verschenkte man ihr Land größtenteils an deutsche Siedler. Heute sind Mapuche – ihre Zahl wird auf etwa drei Millionen geschätzt – in der gesellschaftlichen Hierarchie am untersten Rand der chilenischen Bevölkerung angesiedelt.

Christian Boesch’s Weg war oft mühevoll. Er erinnert sich, als er in die vielleicht kleinste Schule Chiles im Anden-Nest Trafún Chico kam. Eine blaue Holzhütte mit überdachter Veranda, wo sich alle zwölf Schüler in der Pause bei Regen unterstellen können. Direktor und einziger Lehrer: Mario Jorge Neihual Calfa. „Don“ Mario, ein „Lonko“ (Häuptling der Mapuche) war zu Beginn äußerst misstrauisch. Der Fremde versprach Geschenke: Seine mobile Musikschule Papageno sei bereit, hier kostenlos Musik zu unterrichten. Zweimal pro Woche würde ein Team von zwei Lehrern aus Villarrica kommen, um Don Marios Klasse den Chorgesang und das Beherrschen unterschiedlicher Instrumente beizubringen. Und jedes Kind würde ein solches Instrument gratis erhalten…. Der Weiße, der so ein komisches Spanisch sprach, nannte nur eine Bedingung für seine Großzügigkeit: Musik müsse Hauptfach sein! Und nicht nur ein nachmittäglicher Pausenfüller zwischen Siesta und Fußball. Die Skepsis ist rasch verflogen. Heute – 13 Jahre später – spricht der Schuldirektor von einer echten Verwandlung seiner Schüler: „Sie zeigen nicht nur Begabung für die Musik, sondern sind auch in Fächern wie Lesen und Rechnen viel besser als früher. Weil sie es endlich schaffen, sich zu konzentrieren.“

Mittlerweile sind 65 Schulen in einem Umkreis von etwa 250 km in diesen neuen Lehrplan eingebunden: In den meist einklassigen Schulen, selbst in entferntesten Bergdörfern, gibt es zwei Mal pro Woche Instrumentalunterricht. Christian Boesch ist überzeugt, dass sich durch die Musik neue Chancen ergeben. Die Kinder, oft verschlossen und einsilbig, werden offener, können sich leichter konzentrieren – so der Grundtenor der Lehrerinnen und Lehrer. „Ich möchte die in jedem Menschen geheim schlummernden Talente wecken. Ich will keine „Musiker produzieren“, sondern den Kindern die Möglichkeit bieten, ihr Gehirn zu entwickeln und ihr „verschüttetes Talent“ freizulegen“ umreißt Boesch seine Intention. In den kommenden Jahren will er alle 300 Landschulen Araukaniens in sein Projekt einbeziehen. Und damit auch die Herzen von geschätzten 180.000 erwachsenen Mapuche erreichen.

Um seine Papagenitos noch stärker zusammenzuschweißen, veranstaltet Christian Boesch im chilenischen Sommermonat Februar „Summer Camps“ an einem Badesee auf seiner Farm. Das tägliche Programm besteht aus Musikunterricht, Freizeit und Sport. Der Abend klingt an einem Lagerfeuer mit gemeinsamer Musik aus, übernachtet wird in Zelten. Für die meisten Kinder sind es die ersten echten Ferien im Leben.

  

Der emotionale und eindrucksvolle Höhepunkt ist für Boesch aber das Jahreskonzert des Orchesters der Papagenitos im Städtchen Villarrica. Wenn er den Einsatz gibt und um ihn herum ein Meer von Musikern: Geiger, Gitarristen, Cellisten, Trompeter, Flötisten aufbrandet, dann bekommt er die Belohnung und Bestätigung für sein Engagement. Insgesamt 1.211 Instrumentalisten interpretieren Beethoven. Und keiner ist älter als zwölf Jahre. Und dann ist er seinem Ziel wieder einen Schritt näher gekommen: Glücklichen Kindern die Chance mitzugeben, glückliche Erwachsene zu werden.    HD / Sept. 2018

Links zu Christian Boesch:
Chile-Projekt (Seite auf Spanisch): https://www.papageno.cl/
Konzert der Camerata Papageno: https://www.youtube.com/watch?v=311pmAqlC0I
Christian Boesch als Papageno: https://www.youtube.com/watch?v=8avaFIJqN50

Fotocredits: ORF, Salzburger Festspiele, Hilti-Foundation